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Lesung in Berlin-Grünau – ein Bericht

https://grenzenlosdieanthologie.wordpress.com/2016/08/21/lesung-am-03-september-2016-in-berlin-gruenau/

 

Lesung in Berlin-Grünau – ein Bericht

 

Der Ort
Friedenskirche Berlin-Grünau, eine im märkischen Stil mit spätromanischen Anklängen und Jugendstilelementen 1904 bis 1906 von Ludwig von Tiedemann erbaute, 2006 komplett restaurierte Kirche. Genauer: die sich über das komplette rechte Seitenschiff erstreckende Empore der Friedenskirche.

Auch wenn die Diktion nicht zur sakralen Atmosphäre passt: Ein saugeiler Ort für Lesungen.

Das Konzept
Keine Lesung im herkömmlichen Sinn, sondern ein Themenabend über Fremdheit, Flucht und Identität. Es ging weniger darum, das Projekt „Grenzenlos“ vorzustellen (was ja auch immer etwas von „wir-klopfen-uns-selbst-auf die-Schultern“ hat), sondern darum, Texte aus „Grenzenlos“ als roten Faden zu benutzen, um zum Nachdenken und Nachfühlen einzuladen, ohne die hohe poetische Kraft der gelesenen Literatur zu verbergen. Literatur ist eine Möglichkeit, Unsagbares zu sagen, aber eben auch nur eine Möglichkeit. Doch dazu später mehr.

Der Ablauf
Zu Beginn einige einleitende Worte von Sylvia Wage über Literatur, dann ein Stück der Band, die immer noch keinen Namen hat, im folgenden deshalb nur „Die Band“ genannt. Ein (elektronisches) Schlagzeug, ein Bass und eine siebensaitige Gitarre, die so klang (und auch in einem Augenwinkelblick so aussah) wie eine Gibson Les Paul. Musik mit Worten zu beschreiben ist immer schwierig, deshalb müssen Schubladen her um sie irgendwie einzusortieren. Von Progressive irgendwas war die Rede, von Post-Rock, ich habe einige Anklänge an Modern Jazz herausgehört. Instrumentale Musik, in der der Zuhörer sich verlieren, aber auch (wieder-)finden kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen dieser Art war die Musik aber nicht Untermalung und Lückenfüller, sondern neben den literarischen Texten der zweite rote Faden des Abends.

Nach diesem ersten Musikstück bat Sylvia Wage die erste Autorin (Lara Krump) auf die Bühne. Ein kurzes Gespräch über den Alltag von Flüchtlingen, über das Ankommen in einer fremden Gesellschaft, über die Verarbeitung der Vergangenheit und darüber, dass die alltäglichen Probleme ihren Alltag in Deutschland mehr bestimmen, als die Befindlichkeiten der deutschen Gesellschaft.

Dann las Lara Krump „Živo”, einen Text, den man sowohl als einen Text über Ankommen und Abschied lesen kann, der aber auch ein Text über ganz normale Jugendliche ist, über Freundschaft, Liebe und Erwachsenwerden. Es war zwar das erste Mal, dass Lara Krump vor fremden Publikum gelesen hat, aber wer dies nicht wusste, konnte es nicht merken. Ein grandioser Text, grandios präsentiert.

Dann wieder die Band mir ihrem zweiten Stück, Zeit und Raum, dem Text nachzuspüren, aber auch Zeit und Raum, ihn langsam ausklingen zu lassen, sich von ihm zu trennen.

Nächster Programmpunkt waren Jan Weidners „Fragmente“, auch wieder eingeleitet durch ein kurzes Gespräch zwischen Sylvia Wage und dem Autor zum Thema Identität, in dem Klemens die Frage aufwarf, wie jemand Identität entwickeln kann, wenn seine Eltern keine haben. Klemens las die Fragmente in der Fassung, mit der er den Literaturpreis Prenzlauer Berg gewonnen hat, ein starker Text, gewohnt souverän vorgetragen.

Nach einem weiteren Stück der Band (alle selbstgeschrieben, natürlich) der zentrale (zentral sowohl zeitlich als auch emotional) Programmpunkt: Sylvia Wage stellte Hazem Ziadeh Ziadeh kurz vor, einen jungen Syrer, der eine Videocollage mit Bildern aus Syrien zusammengestellt hatte. Ein zehnminütiges Video aus drei Teilen: Zunächst Bilder des syrischen Alltags aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg, im zweiten Teil Kriegsbilder, fallende Bomben, zerstörte Städte, und im dritten Teil Bilder von der Flucht. Menschen im Schlauchboot, ein umkippendes Flüchtlingsschiff, auf dem Mittelmeer treibende Leichen, tote Kinder angespült am Strand. Kein Text, keine Sprache, nur Bilder und Musik.

Betroffenheit, Fassungslosigkeit im Publikum.

Es gibt Situationen bei Konzerten und Lesungen, da müsste man als Zuhörer eigentlich applaudieren, aber man spürt, dass dieser Moment völlig unpassend wäre. In den meisten Fällen klatscht trotzdem irgendein Depp. Dies war so ein Moment und glücklicherweise war keiner dieser trotzdem-applaudiere-ich-Deppen im Publikum.

Durch das unmittelbar folgende, längere Stück der Band bekamen alle die Gelegenheit, ihre Emotionen wieder dem Normalmaß anzunähern. Erst danach verabschiedete Sylvia Wage Hazem Ziadeh Ziadeh, so dass dieser seinen verdienten Applaus entgegennehmen konnte.

Danach ging es übergangslos (also ohne einleitende Interviews) mit Lyrik weiter. Michael Kohl las Marc Richters „Europa – ein gescheitertes Sonett“, Anne Paschen interpretierte Andi Roschers „Antonistraße“.

Waren wir uns vorher noch nicht sicher, ob Lyrik überhaupt ins Konzept dieses Abends passen würde (wir vermuteten ein mehr am Thema als an Literatur interessiertes Publikum), so war spätestens jetzt klar, dass dies die einzig richtige Entscheidung war. Die poetische Dichte der beiden Texte bildeten einen Kontrapunkt zum Video. Hier die emotionalisierende Wirkung der Bilder und der Musik, dort die ebenfalls emotionale Wirkung von Lyrik, die ihren Fokus ja nicht nur auf der Bedeutungsebene, sondern auch auf Klang, Melodie und Rhythmus hat.

Nach diesem kurzen, aber sehr eindringlichen Lyrikintermezzo konnte der Abend im Normalmodus weitergehen. Nochmal Musik, bevor Sylvia Wage mit Sven Koether den letzten Akteur auf der Bühne begrüßen durfte. Ein kurzes Gespräch über dessen mehrjährigen Südamerikaaufenthalt mit dem Schwerpunkt auf der Frage, ob ein hundertprozentiges Ankommen in einer fremden Kultur möglich und überhaupt sinnvoll sei. Sven Koether las sein „Gestrandete Wale“, dessen starke Bilder die Schlussmotive von Hazem Ziadeh Ziadehs Video nochmal aufleben ließen.

Ein letztes Stück der Band beendete den offiziellen Teil des Programms, danach war genügend Zeit für Gespräche und Reflektionen rund um die Themen des Abends, immer noch begleitet von Livemusik, da die Musiker kein Ende finden wollten und, jetzt befreit vom Korsett des Ablaufplans, noch einige Zeit improvisierten.

Mein Dank gilt allen Beteiligten des Abends, hervorheben möchte ich Sylvia Wage (sowohl für die perfekte Organisation, als auch für die angemessene Moderation), Lara Krump (es war ihr erster Auftritt) und Hazem Ziadeh (für den die Situation gewiss nicht einfach war). Aber auch alle anderen hätten es verdient, noch einmal besonders erwähnt zu werden.

Alles in allem ein hervorragender Abend.

 

– Autor: Rübenach

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