Allgemein · Lesung

Rezension vom 25. November 2015

Christopf Lais Sperl hat diese Rezension auf Amazon veröffentlicht am 25 November 2015; ich bedanke mich für die Genehmigung, die Rezension hier veröffentlichen zu dürfen.

„Grenzenlos geworden ist die Welt. Europa, einst ein Kontinent der Kleinstaaterei und Zollhäuschen, machte sich auf den Weg zur Einheit, ließ Schlagbäume niederreißen. Dort, wo früher Grenzanlagen standen, fährt man heutzutage in hohen Tempo von A nach B und merkt allenfalls an der Beschilderung, auf wessen Territorium man sich befindet.

Grenzenlos geworden ist aber auch der Umgang mit Sprache. Eine Ent-grenzung hat stattgefunden bei denen, deren Rede sich in besorgten Wutwellen über die Köpfe derer ergießt, die in den meisten Fällen Bedingungen entflohen, zu denen sie nichts können, zu deren Monstrosität sie nichts beigetragen haben. Und der Rede folgen Taten, wie man täglich in den Nachrichten sehen kann.

Vielleicht hilft es, in Worte zu fassen, was nunmehr passiert. Und die Worte helfen, Situationen zu begreifen, eine Welt wieder zu verstehen, die, womöglich aus den Fugen geraten, erneut begreifbar werden muss. Risse gehen durch Gruppen und Familien. Macher ist für, mancher ist gegen ‚die‘, die so anders aussehen, sich so seltsam verhalten, nie vernommene Sprachen sprechen, sich von Bangladesh bis Bottrop durchschlagen. In den Foren sammelt sich der brüllende Wortmüll ewighassender Besserwisser, bei denen der extra zu diesem Zweck erfundene ‚Gutmensch‘ all das darstellen soll, was es zu bekämpfen gilt. Wo doch letzterer nur das noch hochhält, was noch vordem als christlich abendländisch gepriesen wurde.

Schreiberinnen und Schreiber des Deutschen Schriftstellerforums haben sich zusammengetan, etwas zu bewegen, in Sprache zu kleiden, eine in drei Themenbereiche gegliederte Überblicksarbeit zum Flüchtlingsthema anzufertigen, das für die unmittelbar Beteiligten Unfassbare auf ihre Weise begreiflich zu machen. Wie bei jeder Anthologie kommt die wunderbare Eigenschaft der menschlichen Sprache ganz deutlich zum Vorschein, Dinge auf so unterschiedliche Weisen auszudrücken, dass es eigentlich Magie ist, sich in ihr überhaupt verständigen zu können.
Dabei kommt das Ungestüme zur Vorschein, Sprache wird jenseits literarischer Elfenbeintürme in Rohform gefeiert. Das Forum konnte nach nur vier Monaten Arbeit zeigen, welches ursprüngliches Potential in der unverbrauchten Literatur des Untergrundes liegt, fern all der feinen, hohen, geschliffenen Elfenbeintürme feuilletonistisch-suhrkampseliger Befindlichkeiten. Man hat einfach geschrieben. Sich kritisiert. Umgeschrieben, neu erstellt, kraftvolle Texte geschaffen. Auch ich habe einen Text beigetragen. Doch rezensiere ich lediglich die Arbeiten meiner Mitautoren, um Befangenheitsfurcht zu entkräften.

Ein Blick ins Buch zeigt auf der Homepage zunächst ein gelungenes Vorwort, ein vielversprechendes Inhaltsverzeichnis und Textauszüge wie Andi Roschers Gedicht ‚Antonistraße‘: ROSCHER bringt den Import von Genussmitteln mit dem bei vielen unerwünschten Anblick Geflüchteter in Beziehung. Menschen, die vor der sich voranschiebenden Silhouette eines Kaffeeschiffes auf eine heterogene Menschenmenge treffen, und in ihrer Unkenntnis deutscher Verhältnisse offensichtlich kaum erkennen können, mit wem sie es zu schaffen haben. Eine kompakte, starke und schwungvolle Zeichnung.

Sven KÖTHERs Kurzgeschichte ‚Gestrandete Wale‘ ist hoch spannend aufgebaut, schildert den Klang fremder Sprachen in ausnehmend gelungener Art, die ungewöhnliche Reise in die Gegenrichtung, nach Afrika hin; den Anblick von Leichen, die wie Wale am Strand liegen, gipfelt in einem nahezu sardonischen Finale.

Hochaktuelle Geschichten und Gedichte. WEINGARTENS Arbeit ‚Abstraktat‘ führt mithilfe überraschen gegenübergestellten und textgraphisch gestalteten Dichotomien zu neuer Sicht, BURNS ‚Licht‘ erklärt die Sicht von außen auf die Absurditäten unseres eigenen Landes mit seinen widersprüchlichen, politischen Denkschemata. Wo ROSCHER die Flucht is Prekariat als Folge von Alptraumbildern schildert, gelingt es Helen SKROBSKI, die Verwerfungen der sozialen Ausgrenzungs- und Angstmachanismen in eine Tiergeschichte zu kleiden, die so ganz märchenhaft-harmlos erscheint, gegen Ende hin aber ganz bitter wird. Lara KRUMP erzählt von einem, der an eine Wohnung kommt (aus der Enge einer Sechsmannbude), während seinem Freund die Ausweisung droht: Klare, hochdeutliche, scharf geschnittene Sprache voller augenzwinkernden Humors in aller Trübseligkeit des Themas. Auch eine flüchtige Liebesbeziehung kommt nicht zu kurz, wie Susanne ULMER in ‚Lauras Lied‘ schildert. Darin wird auch klar, wie so mancher Flüchtling sich in der Hoffnung prostituiert, an eine Eheschließung mit einer Deutschen (die er gar nicht mag) zu kommen, um ein Visum zu ergattern. Tiefe Einblicke in den nahen Osten kann Miriam MALIK mit ihren fundierten islamwissenschaftlichen Kenntnissen liefern, ihr gelingt es, die verkommenen und zerriebenen Herkunftsländer der Flüchtlinge, und deren Lebensumstände eingehend zu schildern, was mit anderem Vorzeichen auch für Renate LER mit ihrem Bild vom am Ende hin brennenden Obdach eines Flüchtlings in Deutschland gilt. Ich kann nicht alle rezensieren. Daher überlasse ich dem Käufer die Spannung auf mehr und schließe mit der Geschichte, die mich bisher am meisten beeindruckt hat: ‚Pack‘ von Rainer BUCK. Dieses Wort, in unfreiwilliger Partnerschaft von Gabriel und Sarkozy geprägt, bezieht sich nun auf die, die bei uns hier unzufrieden sind – und dies ob ihrer Lebensumstände vielleicht auch sein müssen. Diejenigen, die zwar nichts dagegen haben, dass man Geflüchteten hilft, aber auch sehen, dass unser Land offensichtlich bei einem Zuviel an Zuwanderung auch überfordert werden könnte. Denjenigen, die irgendwo zwischen dem Helfer und dem besoffen brüllenden Pegidisten stehen, unversehens auf ein Foto geraten sind, und nun allenthalben als Nazi angefeindet werden.

Diese Anthologie ist umfassend und gibt einen runden Überblick zum Thema der Zeit.

Die Schriftsteller haben auf Honorar verzichtet. Die Einnahmen gehen an Hilfsorganisationen.
Ich bin sehr gespannt auf die Gesamtheit der Texte. Ich aktualisiere die Rezension.
Der Anfang klingt jedenfalls vielversprechend.“

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