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Interview mit den Beteiligten

Das folgende Interview entstand im Rahmen des »Indie-Adventskalenders« auf dem Blog »Tintenklecks« von Sophie Marie Gose. Am Interview beteiligt waren die Herausgeberin Alexandra Scherer sowie die Autorinnen Sonja Bethke-Jehle, Christine Heine, Renate Ler und Kay Weingarten.


 

1.) Wie seid ihr auf die Idee zu diesem Projekt gekommen? Was war eure Motivation? Eure persönlichen Beweggründe?

A. Scherer (Herausgeberin) Für mich war‘s eher Zufall. Ich las bei der Diskussion mit und schlug vor, etwas Konstruktives zu unternehmen. Dann wurde ich beim Wort genommen.
K. Weingarten (Autorin) Als ich davon hörte, fand ich die Idee, schreibend Antworten auf diese auf unzähligen Ebenen Grenzen sprengende, menschliche Tragödie zu finden, für mich einen guten Weg, um meine eigene Sprachlosigkeit zu überwinden. Ich wollte aus meinem verstummt Sein herauskommen, antworten können. Denn eigene Antworten zu finden, hat etwas mit Verantwortung zu tun.
R. Ler (Autorin) Meine persönlichen Beweggründe, an dieser Anthologie mitzuarbeiten, resultieren aus einer zweifachen Migrationsvergangenheit, zum einen bestehend aus der Flucht mit meinen Eltern und meiner Schwester in den Sechziger Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik, zum anderen aus dem Versuch meines Mannes, in den Achtziger Jahren aus dem Iran kommend, in Deutschland Fuß zu fassen.
C. Heine (Autorin) Die ursprüngliche Diskussion habe ich erst mitbekommen, als sie schon eine Weile lief. Da ich selbst im Ausland lebe, habe ich die Flüchtlingsdebatte aus meinem eigenen Blickwinkel heraus verfolgt. Und meinte, von diesem aus etwas beitragen zu können. Oft fühle ich mich hier zuhause, dann bin ich mir doch auch bewusst, wo ich herkomme. Andererseits immer wieder mal das Bewusstsein, zwischen Stühlen zu sitzen.

2.) Wie lange habt ihr für die Herstellung eures Buches gebraucht?

S. Bethke-Jehle (Autorin) Das waren nur wenige Wochen, in denen wir das alles verwirklicht haben.
A. Scherer Alles in allem etwas um die vier Monate.
S. Bethke-Jehle Unsere Herausgeberin hat da den besten Überblick 🙂

3.) Erzählt doch mal ein bisschen mehr über das Buch. Um was geht es darin?

A. Scherer Es geht um Menschen in Extremsituationen, die versuchen, ihre Menschlichkeit zu wahren.
S. Bethke-Jehle Wir haben uns für folgenden Klappentext entschieden. Der bringt es sehr gut auf den Punkt.

Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit – oft vergessen wir, dass hinter diesen Worten Schicksale stecken; Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens vor Krieg, Folter und Unterdrückung fliehen. Die gezwungen sind, Grenzen zu überschreiten.

Diese Anthologie will bewegen. Nicht allein die Herzen der Leser, sondern die Köpfe. Sie will Grenzen und Begrenztes aufbrechen und das Thema Flucht als das zeigen, was es ist: Etwas, das jeden von uns angeht. Als Betroffener, als Helfer, als Autor – als Mensch.

4.) Wie viele haben bei dem Buch mitgewirkt?

A. Scherer In der AG waren teilweise bis zu 40 Leute aktiv, nicht alle haben Texte beigetragen, aber auch außerhalb der AG haben uns viele Menschen unterstützt.
S. Bethke-Jehle Wir hatten außer den Autoren und der Herausgeberin noch einige Korrekturleser, drei Lektoren, zwei Grafiker und auch organisatorische Unterstützung. Jeder hat das beigetragen, was er am besten beitragen konnte.

5.) War die Zusammenarbeit immer reibungslos?

A. Scherer Es gab nie wirklich ernsthafte Differenzen. Ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass es uns klar war und immer noch ist, dass es hier nicht um unser Ego geht, sondern um »die Sache«.
K. Weingarten Natürlich nicht. Wo Menschen sich intensiv mit einem so wichtigen und vielschichtigen Thema auseinander setzten, wird es wohl ohne Meinungsverschiedenheiten nicht gehen. Ich habe dieses miteinander und mit dem Thema ringen als lebendigen und konstruktiven Austausch sehr engagierter Menschen erlebt. Ich persönlich habe dabei sehr viel gewonnen: an Einsicht in andere Menschen, an eigener Toleranz, an eigener innerer Festigkeit, wenn es um meine Überzeugung geht.
C. Heine Ich würde ergänzen: Sie war anregend.

6.) Wieso habt ihr die Anthologie im Selbstverlag und nicht bei einem großen Publikumsverlag untergebracht?

A. Scherer Im Falle der Grenzenlos Anthologie war es uns allen wichtig möglichst AKTUELL zum Tagegeschehen zu veröffentlichen. Die Suche nach einem Verlag und die Veröffentlichung wäre, wenn man von den üblichen Erfahrungswerten ausgeht, wahrscheinlich langwierig geworden. Mit dem Selfpublishing waren wir in der Lage schnell, spontan und unkompliziert vorzugehen.
S. Bethke-Jehle Das Selfpublishing gibt uns auch die Chance, uns möglichst frei in unserer Kreativität zu entfalten. Wir wussten, was wir wollten, und hatten viele Menschen, die ihre Kreativität beisteuern konnte und wollten. Ein Verlag hätte uns möglicherweise Grenzen gesetzt, die wir zumindest in diesem speziellen Projekt nicht wollten.

7.) Wie habt ihr das Projekt genau gestaltet? Hatte jeder seine festen Aufgaben, oder hat jeder überall mitgeholfen?

A. Scherer Jeder hat sich vorgestellt und gesagt, was er gut kann, und so haben sich die Aufgaben eher von allein verteilt.
C. Heine Beim Bearbeiten der Texte letzteres. Technisch und organisatorisch haben zwei Leute besonders viel an Arbeit investiert. Dann gab es noch Lektoren, die diese Arbeit freiwillig übernahmen. Und nicht zuletzt diejenigen, die sich um die Gestaltung des Covers gekümmert haben.

8.) Der Erlös des Buches soll gespendet werden. An welche Organisation und wieso habt ihr euch für diese entschieden?

A. Scherer Jeder konnte eine Organisation vorschlagen, dann wurde abgestimmt und eine Reihenfolge festgelegt, diese wird nun nach und nach abgearbeitet.
S. Bethke-Jehle Die Gewinne der ersten drei Monate werden den Ärzten ohne Grenzen gespendet.

9.) Wie wollt ihr auf die Anthologie aufmerksam machen?

S. Bethke-Jehle Unter anderem durch diesen Adventskalender. Während wir hier die Fragen beantworten, organisieren andere Mitwirkende bereits Lesungen. Aber es ist kein Geheimnis, dass es schwer ist, wenn man keinen Verlag im Rücken hat. Aus diesem Grund würden wir uns sehr freuen, wenn ihr uns helft und von unserem Projekt erzählt. Oder eines der Exemplare an jemanden verschenkt, der sich darüber freut.

10.) Welchem Genre kann man das Buch zuordnen?

C. Heine Prosa und Lyrik, oder?
S. Bethke-Jehle Genau. Die Beiträge sind alle unterschiedlich. Wir haben Liebesgeschichten, Dramen und vieles mehr.

11.) Gab es eine Geschichte oder ein Gedicht, die oder das euch richtig schwergefallen ist?

K. Weingarten Schwer gefallen ist uns die Arbeit nicht: Über jeden einzelnen Beitrag wurde auf inhaltlicher und literarisch-handwerklicher Ebene diskutiert, wobei jeder Autor selbst über die Notwendigkeit eventueller Überarbeitungen entschieden hat. Diese Vorgehensweise hat das insgesamt hohe Niveau der eingereichten Texte noch zusätzlich gefestigt. Manchmal war aber schon spürbar, dass die Arbeit an den Texten uns auf der inhaltlichen Ebene auch sehr betroffen gemacht hat, was bei dieser Thematik nicht ausbleiben konnte.

12.) Was macht eure Anthologie zu etwas besonderem und lohnenswert zu kaufen?

A. Scherer Abgesehen von dem gemeinnützigen Zweck, wurden hier wirklich qualitativ hochwertige Texte erstellt, die sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Grenzenlos auch in einem kleinen Rahmen.

13.) Beschreibt euer Buch in einem Satz.

S. Bethke-Jehle Eine Anthologie, die sich mit den Themen Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit auseinandersetzt, und vielleicht auch dabei helfen soll Grenzen aufzubrechen.

14.) Würdet ihr so ein Projekt wieder mal ins Leben rufen oder war das eine einmalige Sache?

A. Scherer Der Gedanke kam schon, nur da ich am wenigsten geleistet habe, kann ich da leicht reden. Natürlich ist die Frage, ob sich so etwas Spezielles wirklich wiederholen lässt.
S. Bethke-Jehle Solltest du so etwas jemals wieder organisieren, wäre ich auf jeden Fall gerne wieder dabei. Ich bin unglaublich glücklich, ein Teil dieser Sache sein zu dürfen, Alexandra.

15.) Wo können wir mehr über euch, eure Anthologie und die Hintergründe erfahren?

A. Scherer Auf unserer Website: https://grenzenlosdieanthologie.wordpress.com/


veröffenlicht auf https://tintenkleckssophiemariegose.wordpress.com/2015/12/24/indie-adventskalender-2015-24-tuerchen/ am 24.12.2015 mit frdl. Genehmigung von Sophie Marie Gose

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